Stephan Bratek
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Stephan Bratek persönlich & privat
Stephan Bratek persönlich & privat 

Es ist leichter zu lächeln, als zu erklären, warum man weint.

-unbekannt-

Und Frau Grün lächelte 

Erzählung vom Glück

 

„Lächeln. Du musst lächeln!“, sagte die Mutter von Frau Grün zu Frau Grün, als die ein kleines Mädchen war und von den Leuten noch ‚Beate‘ genannt wurde. „Wie es innen drin aussieht, geht niemanden etwas an.“

 

Und Frau Grün lächelte. Wenn die Mutter es so sagte, würde es schon richtig sein. Außerdem hieß Beate ‚die Glückliche‘, und wer einen so glücklichen Namen trug, musste sein Glück auch zeigen. Unglücklichsein galt nicht. Das hatte es nicht zu geben für eine Trägerin des Glücksnamens ‚Beate‘. Und schon gar nicht durfte man es zeigen. So einfach war das. Ganz einfach. Was würden denn auch die Leute denken?

Und Frau Grün lächelte. Sie lächelte, als sie noch ein Kind war und Beate hieß und Probleme nicht Probleme, und Traurigkeit nicht Traurigkeit sein ließ. Sie lächelte auch, als sie den Herrn Grün heiratete und von da an ihren glücklichen Namen vergaß und für alle nur noch Frau Grün hieß. Egal. Sie lächelte. Und wenn ihr manchmal so gar nicht danach zumute war, summte sie das Lied vom Lächeln aus dem ‚Land des Lächelns‘. Ihre Mutter hatte es ihr immer vorgesungen, wenn das Leben ihr gerade nicht so nett zulächelte. Das Lied, das immer in den Ohren von Frau Grün hallte, besonders an Tagen, an denen eine heitere Miene schwerer fallen wollte als sonst. Dann sang auch Frau Grün das Lied.

„Immer nur lächeln und immer vergnügt, immer zufrieden, wie’s immer sich fügt. Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen, doch wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an.“ *

Sie sang es leise, dieses Lied. Nur für sich. Schließlich sollte keiner hören, dass sie es nötig hatte, sich selbst Mut zuzusingen.

So hatte sich Frau Grün, die Frau mit dem fast vergessenen Namen Beate, durch ihr trauriges Leben gelächelt. Sie war eine alte Frau nun und sie war einsam. Das lächelnde Leben hatte ihr nichts genutzt.

An dem Tag, an dem sie dies erkannte, saß sie auf ihrer Bank im Park und weinte. Auch jetzt lächelte sie dabei. Sie hatte es so gelernt. Außerdem: wie es innen drin aussieht, ging auch jetzt niemanden etwas an. Es interessierte auch niemanden in einer Zeit, in der jeder nur noch sich selbst wichtig nehmen konnte. Und das war eine Sache, die Frau Grün nie gelernt hatte.

 

© Elke Bräunling

 

Mit dem Einverständnis  einer tollen Buchautorin (Elke Bräunling)

  darf ich die Kurzgeschichte meiner Sammlung  hinzufügen.

 

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© Stephan Bratek, Plochingen 2019